Stil ist eine rare Lebensqualität. Alle wollen ihn, wenige haben ihn. Die
meisten versuchen sich am Ziel vorbei oder vergreifen sich am nächstbesten
Ersatz. Was dem einen Stil ist, nennt ein anderer schlechten Geschmack. Und während
sich über Letzteren immer nach Herzenslust streiten lässt, kann wohl
keiner bestreiten, dass die Musik von De-Phazz eine Frage des guten Stils ist.
Kaum ein Jahr nach seinem umwerfenden Universal-Debüt beweist das offene
Projekt um Pit Baumgartner, dass es ein Leben nach "Death By Chocolate"
gibt. Die Reinkarnation heißt "Daily Lama" und ist das neue, vierte
De-Phazz-Album. Doch dieses Werk ein Album zu nennen, wäre so, als würde
man einen "Polynesian Pleasure Punch" als Cocktail bezeichnen. Was er
natürlich ist. Genau so, wie diese zwanzig Stücke in ihrer Gesamtheit
auch ein Album sind. Aber ähnlich wie beim "Polynesian Pleasure Punch",
ergeben die vielen unterschiedlichen Zutaten von "Daily Lama" mehr,
als die Summe der Einzelteile. Dub und Disco, Soul und Jazz, elektronische Chansons
und loungige Zulu-Grooves, ein Hauch Dancehall und jede Menge Latin-Rhythmen mixen
sich zu etwas Neuem, Spannendem, so noch nie Dagewesenen. Man könnte es Loungecore,
Mamboom, Swank, Kitsch mit Klasse, Phazz oder vielleicht auch einfach nur Musik
nennen. Sicher ist, dass man für ein derart gelungenes, sexy-sarkastisch-subtiles
Musik-Mosaik neben Geschick und Geschmack vor allem eines haben muss: Stil.
Ein vinylkratzendes Jazzpiano klimpert, eine tiefe Stimme intoniert "You
followed your faith", dann schreit einer "What me say?", und schon
setzt einer dieser unwiderstehlich de-phazzigen Latinbeats ein und wir sind mitten
in "Looks", dem ersten Song des neuen De-Phazz Albums. Karl Frierson
singt "Looking at the sun looking down on me" und transportiert uns
ohne Umschweife auf das Sonnendeck des Lebens. Auch "You Stayed" schleicht
sich mit entspannten George Benson-Griffen in einen Groove, der wie ein faules
Kamel im Schatten einer Palme schwankt. Dazu die sanfte Stimme von Pat Appleton,
die eine herzergreifende Ode an ihren Lieblingsbaum singt: "You stood, you
swayed, I moved on, you stayed". Wolken ziehen auf, wenn düstere, leicht
makabere Rockgitarren in ein Streichercrescendo verklingen, zu dem Barbara Lahr
"What's Behind?" fragt. Bald begleitet von Chören, interessieren
sie dabei sowohl die persönlichen, als auch die weltpolitischen Hintergründe.
Alles andere als "Easy Listening", mit Verlaub. Im Südsee-Slang
zählt sich das schwerfällig schleppende Groovemonster "Wrong Dance"
ein, bei dem seichte Flötentöne für den animalischen Ausgleich
zum "Un-Walzer" sorgen. Den garantierten Sommer-Hit liefert der elegant
swingende "Atomic Ducktail", bei dem die Dame des De-Phazz-Herzens "Mix
it right" intoniert - in dem wohligen Wissen, dass dieser Aufforderung ganze
Heerscharen Vergnügungssüchtiger folgen werden. "Cup of Hope"
könnte sich, allein schon wegen des südafrikanischen Zulu-Grooves, ebenso
um den fußballernden "Afrika Cup", als auch ums "Kap der
guten Hoffnung" drehen. Jedenfalls frohlockt darauf ein Chor anonymer Miriam
Makeba-Nachfahrinnen zu den perlendsten Gitarren diesseits des Niger (courtesy
of Adax Dörsam).
Worum es in "True North" genau geht, ist unwichtig, außer das
Sänger Karl und seine alte Chor-Kollegin Charity im Chorus vom Spirit vor
und zurück bewegt werden. Wirklich wichtig ist auch hier, dass es der Mix
macht. In diesem, wie in so vielen anderen De-Phazz-Fällen, macht er vor
allem alles richtig. Und alle glücklich. "Almost Gone" ist eine
sanfte Fender-Rhodes-Interlude, die Pit gewinnbringend und "firstladylike"
mit Atmosphäre untermalt. Sie leitet über in "Nightmare",
bei dem uns Pat weismachen will, ein ebensolcher Alptraum wäre ihre bevorzugte
Art und Weise, sich auf den nächsten Tag einzustimmen. Dazu bläst das
smoothe Baritonsax von Frank Spaniol und es schreien ein dramatischer Streichersatz
und ein wurmender Moog aus dem Sampler. "Preachin To The Choir" zieht
das Tempo an, während sich Karl auszieht. Selbst der grandiose Bläsersatz
von Joo Kraus jauchzt, wenn sich der Sänger, wie so oft, stripteasend entblößt.
"Try" ist eine sentimentale Ballade von verflossener Liebe und verliebter
Aufgabe. Eine angenehme Überraschung, allein weil sie so ganz ohne Augenzwinkern
für Herzflimmern sorgt. Angel J., Mitglied der Girlgroup "Black 2 Blond",
gibt Pit mit diesem Gastauftritt eine gute Gelegenheit, seine Affinität zu
amerikanischem R&B-Pop á la Brandy zu demonstrieren.
Hoppla, was kommt jetzt? Singt da die selige Hilde? Knapp daneben. Pat Appleton
chansonniert darüber, dass die Liebe ein "Dummes Spiel" ist. Das
mambot sich so herrlich hintersinnig, dass man gar nicht dazu kommt, sich Gedanken
darüber zu machen, dass dies die allererste landessprachige De-Phazz-Nummer
überhaupt ist. Im besten Sinne Grand-Prix-verdächtig. "Things &
Times" schlingert sanft, besinnlich und instrumental zwischen Wah Wah-Trompeten
und Kalimba-Gezupfe hin und her, bis es in Begleitmusik eines singenden Topfmachers
aus Irland mündet. Elegant stolziert die "Belle De Jour" daher,
begleitet von fast schon James-lastigen Bläsertupfern, und verkündet
sexy und selbstbewusst "What an affair!". Mit dem souligen "Wait"
gibt Karl (s)einer Tochter eine Stimme, die ungeduldig fragt, wann sie denn endlich
auch so toll wie Papa sein kann. Der Blues bekommt sein Fett bei "Down The
Railroad" weg, dessen dubbender Rhythmus schweißtreibend und haarscharf
an einem hier nicht weiter zu benennenden Souljazz-Hit vorbeidriftet. Dramatische
Stringhits (über die sich jeder Hip Hop-Produzent freuen würde), eröffnen
"Desert D`Amour", einen wunderschönen Chanson aus der Feder von
Otto Engelhardt über die wundersamen Qualitäten der "Shehrazade".
Anschließend stellt Karl Frierson auf Funk-verschleppte Art und Weise klar,
worauf es wirklich ankommt: "Style" (siehe oben). Karl hat ihn und die
Bassline, Bläsersätze und Bombaststreicher dieser Nummer zweifelsohne
auch. Eine sehnsüchtige Bluesgitarre entführt langsam aber sicher in
"Word In A Rhyme", ein kopfnickendes Rhythmusgeflecht mit gleich mehreren
ohrwurmenden Refrains von Barbara Lahr. Zuguterletzt lässt Otto Engelhardts
"Jean-Mi" das neue De-Phazz Album "Daily Lama" mit verträumten
Piano-Sprenkseln und Vogelgezwitscher ausklingen.
Seit mindestens fünf Jahren nehmen sich der Produzent und ehemalige Hörspiel-Cutter
Pit Baumgartner und seine zahlreichen Freunde und Kollegen die stilistische Freiheit,
als De-Phazz organische elektronische Musik zu machen. Pit, der zu faul zum Gitarreüben
und technisch versiert genug für den Sampler ist (wofür auch seine gefeierten
Remixe auf "Morricone RMX" und "Verve Remixed" sprechen),
arbeitet sich nach Herzenslust durch die Musikgeschichte. "Ich verstehe mich
weniger als Komponist, eher als Cutter, als einer, der Mosaiksteinchen zusammensetzt",
behauptet er. Anfang 2002 war es wieder so weit. Pit schickte einige seiner musikalischen
Machwerke an "die üblichen Verdächtigen". Allen voran Otto
Engelhardt, der neben allen möglichen Musikinstrumenten auch die Kunst des
Textens beherrscht, die Sänger und Songschreiber Karl Frierson, Pat Appleton
und Barbara Lahr (die nebenbei die erste Solokünstlerin auf Pits neuem Label
"Phazz-a-delic" ist), der trompetende Tausendsassa Joo Kraus (bekannt
von Tab Two und Kosho) und etliche andere mehr. Die machten sich ihren Reim oder
ihre Melodien auf die Stücke und sandten diese dann zurück an Pit, der
sie wieder umarrangierte. So ging es hin und her, bis alle zufrieden und glücklich
waren. Märchenhaft schnell kam es so zu diesem wunderbaren neuen Album. "Daily
Lama" ist nicht nur ein konsequenter und stilsicherer Schritt für De-Phazz
- hin zu mehr Vielfalt und gleichzeitig mehr Einheit. Vor allem ist es das schönste,
was uns in diesem Herbst passieren konnte.